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Angst

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Angst ist mental, emotional und somatisch, im Deutschen auch sprachlich aufs engste mit der Enge verknüpft: Die Angst als »engst-«, die höchste Steigerungsform (Superlativ) von »eng«. Wo es geistig, gefühlsmäßig und/oder körperlich eng wird, steigt der innere Druck. Und Druck, der nicht entweichen kann, da er fortwährend Angst-Nachschub erhält und dadurch noch zunimmt, sprengt letztlich, was ihm nicht standhält.

A ngst ist ein gewitztes Phänomen, das die Welt, also die Menschen, in Schach hält. Gäbe es die Angst nicht, wäre der Mensch nicht nur übermütig, sondern vor allem unbeherrscht, sprich unbeherrschbar. Es heißt, Geld regiert die Welt, doch die Herrschaftsmacht der Angst steht über der des Geldes. Denn um sein Geld hat fast jeder Angst, aber davor, seine Angst zu verlieren, wohl keiner. Somit regiert de facto die Angst die Welt und wer sich dies zunutze zu machen weiß, herrscht über die Welt – auch die des Geldes. Wenn man dem Wortstamm von »herrschen« glauben darf, dürften in jenem Revier Damen weit unterrepräsentiert sein.

Im heutigen sogenannten Informationszeitalter besitzt die Herrschaftsgewalt über die kollektive Angst, wer sich der Teilhabe an einem  Medienmonopol erfreut. Unter dem Vorwand only bad news are good news „wird aus einer bisher eher harmlos verlaufenden Schweinegrippe eine die Welt bedrohende Pandemie-Gefahr. Daher droht Terrorgefahr an jedem Platz, auf dem sich mehr als zwei Leute versammeln. Daher beherrschen Umwelt- und Unwetter-Katastrophen die Schlagzeilen ebenso wie Finanz- und Wirtschaftskrisen, in denen Abermilliarden Euro ‚verbrannt‘ wurden und Millionen Arbeitsplätze vernichten. Mitunter entsteht zwar beim geneigten Medien-Rezipienten der Eindruck, dass Krisen gern und systematisch herbei geschrieben werden“*, doch diese permanente Konfrontation mit Angstauslösern bleibt nicht wirkungslos – und das wissen die Medienverantwortlichen nur zu gut. Angst kumuliert sich im menschlichen Unterbewusstsein wie jedes andere Dauergefühl auch, nur intensiver und für die Betroffenen destruktiver. Als Einzeldosis erzeugt sie akuten Stress, dagegen führt ihre Dauerpräsenz zu unbewusstem chronischen Stress, der wiederum den besagten psychosomatischen Druck aufbaut, der sich in Beschwerden wie Bluthochdruck, Kopfdruck, Magendruck, nächtlichem Zähnepressen und seelischem Druck manifestiert.

Ein Hinweis auf die Effizienz der systematischen Angstmacherei könnte die Herabsetzung der Richtwerte für Bluthochdruck, die jüngst unter der Überschrift „Haben wir jetzt alle Bluthochdruck?“** publiziert wurde. Argumentiert wird damit, dass Hypertonie die Hauptursache für Sterblichkeit sei. Abgesehen davon, dass kein Blutdruck vor Sterblichkeit zu schützen vermag, stellt sich sogleich die Frage, ob hierbei nicht Ursache und Wirkung vertauscht werden. Dessen nicht genug: Dem Angstsymptom will man mit Angst beikommen.

Angst ist ein segensreicher essenzieller Gefühlszustand, der in akuten bedrohlichen Situationen zu Unversehrtheit und Überleben beitragen soll. Doch ihr Segen wandelt sich zum Fluch, wenn sie ohne unmittelbare Gefährdung des Betroffenen zu dessen Lasten sozusagen geschürt wird. Worin besteht hinsichtlich der Angst die Verbindung zur Weisheit? Allein darin, dass »Angst« mit »engst-« und »weise« mit »Weite« sprachlich und faktisch jeweils zu 80 % übereinstimmen. Während das (be)drückend Verengende der Angst den Blutdruck erhöht, den Atem verschlägt, die Kehle verschnürt, den Magen verstimmt, Tinnitus aufkommen lässt, Herz und Geist in die Enge treibt und im wahrsten Sinne des Wortes Engstirnigkeit hervorruft, weitet die Weisheit neben Geist, Gemüt und Herz den Horizont, den Bereich, an dem sich laut Duden Himmel und Erde berühren. Damit findet sich Weisheit bevorzugt dort, wo Himmel und Erde ineinander übergehen – wo Angst ihre Herrschaftsmacht verliert.

 

* https://www.perspektive-mittelstand.de/Medienpsychologie-Bad-news-are-good-news/management-wissen/3159.html

**  https://www.t-online.de/gesundheit/krankheiten-symptome/id_82694926/die-usa-haben-die-werte-fuer-bluthochdruck-gesenkt.html