Was ist Holorhetorik?



Als Weiterentwicklung der ganzheitlichen Redekunst gründet sie auf jener und weist ein qualitatives Mehr auf. Dieses Mehr beruht auf einer wertschätzenden bzw. »weltschätzenden« Diktion. Die meinerseits hergeleitete holistische Rhetorik geht davon aus, dass alles ([irgend]einen) Sinn hat. Sinn zu haben ist wertfrei, weder gut noch schlecht, sondern berechtigend. Es berechtigt zu sein. Gegensätze betrachtet diese holistische Rhetorik im Grundsatz als gleichwertig.

Über Holorhetorik

R hetorik oder Redekunst verbinden die meisten mit politischer Rede, herzergreifend-leidenschaftlichen juristischen Plädoyers und vielleicht noch mit überzeugenden Verkaufstalenten, die wirklich kunstvoll nur wenige rhetorisch Naturbegabte oder Geschulte beherrschen. Doch wie schon Friedrich Nietzsche befand, ist Sprache Rhetorik, denn sie will eine Meinung und keine unumstößlichen Erkenntnisse vermitteln.

Die Sprache selbst ist daher das Resultat von rhetorischen Künsten und schon immer eine rhetorische Leistung: Die Sprache ist Rhetorik.

Dies erscheint deshalb wichtig gleich im Vorfeld zu klären, da die holistische Rhetorik, d. h. die holistische Sprache, die hier im Fokus steht, für jedermann/jedefrau und grundsätzlich jede kommunikative Situation gedacht bzw. geeignet ist.

Gerade in unserer sich im ersten Schritt ökonomisch globalisierenden Welt, die angesichts der fortgeschrittenen Kommunikationstechnologie mit dem Informationszeitalter gleichgesetzt wird, spielt die verbale Verständigung eine zunehmend gewichtigere Rolle. Demgegenüber hält die klassische Rhetorik, die nach wie vor weitgehend dem heutigen Standard entspricht, mit dieser (r)evolutionären Entwicklung nicht Schritt, sondern verharrt mittlerweile seit 2.500 Jahren auf nahezu demselben qualitativen Niveau. Um welchen Stand handelt es sich dabei? Um die, wenn man so will, dritte rhetorische Dimension. Diese Dimensionsstufe basiert auf der atomistischen Weltanschauung, die seit den Erkenntnissen von René Descartes und Isaac Newton das (natur)wissenschaftliche Denken dominiert. Atomismus stellt den Gegenbegriff zu Holismus dar. Ihm zufolge bestehen die Teile eines Ganzen unabhängig von den jeweiligen anderen Teilen dieser Ganzheit. Die Beziehungen der Elemente eines atomistischen Gebildes sind rein quantitativer Art – das Ganze ist die Summe seiner Teile. Dies spiegelt sich deutlich in der herkömmlichen Rhetorik wider. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Wesen auf fundamentaler Ebene von allen anderen unabhängig, ein Individuum (Einzelding), ist, macht sich das in erster Linie im gegenseitigen »Umgangston« bemerkbar. Die Annahme einer prinzipiellen Unverbundenheit oder des existenziellen Getrenntseins fördert ein mehr oder weniger ausgeprägtes eigennütziges Denken und Handeln. Wer demgemäß mutmaßt, dass sich - in Dramatisierung des Darwin-Theorems „Survival of the fittest“ - der Stärkere durchsetzt, sieht in anderen etwaige Konkurrenten und kommuniziert entsprechend. Das darauf zurückzuführende Sprachverhalten kann bedenkenlos als »Kampfrhetorik« bezeichnet werden, die auf dem politischen Parkett zum Standard zählt, sich jedoch bei weitem nicht auf den Politiksektor beschränkt. Diese kämpferische Ausdrucksweise hat sich mittlerweile auch in der Alltagssprache als so selbstverständlich eingebürgert, dass sie keinerlei Ausnahmestatus bzw. Auffälligkeitswert mehr besitzt.

Heutzutage wird um vieles gekämpft, geschlagen und Krieg geführt. Begriffe und Redewendungen des Typs Ehekrieg, Handelskrieg, Nervenkrieg, Papierkrieg, Privatkrieg, Wirtschaftskrieg, Zickenkrieg bzw. Anschlag, Ausschlag, aus dem Kopf schlagen, Beschlagnahme, Nachschlag, Niederschlag, Rundumschlag, Schlaganfall, Schlagabtausch, Schlagader, Schlagbaum, Schlager, Schlagfertigkeit, Schlaghose, Schlaglicht, Schlagreim, Schlagseite, Schlagwort, Schlagzeile, sich geschlagen geben, Überschlag, Umschlag, Verschlag, Vorschlag, Zuschlag gehen uns so leicht über die Lippen, als wären gewaltfreie Alternativen weder vorhanden noch anwendbar. Die Kampfhandlungen »schlagen« sich in Formulierungen wie für seine Rechte kämpfen, Boxkampf, Mannschaftskampf, Wahlkampf etc. nieder. Den Clou stellt der sogenannte Friedenskampf dar. Dabei ließen sich die Dinge friedfertiger als kämpfen, Torschuss, Vorschlag, Wahlkampf ausdrücken: beispielsweise durch eintreten für, Toranspiel, Anregung, Wählergewinnung.

Wenn demnach Rhetorik nicht mit einer angeborenen oder nur von hierzu besonders Befähigten zu erlernenden Redekunst, sondern mit der Sprache selbst gleichzusetzen ist, sind letztlich alle, die des Sprechens mächtig sind, Rhetoriker. Rhetorik zielt darauf ab, die Zuhörer oder Gesprächspartner von dem Gesagten zu überzeugen. Doch überzeugen lassen sich Menschen nur von demjenigen, das sie respektiert. Begegnet der Sprecher seinem Gegenüber oder Publikum respektlos, überheblich oder gar feindselig, wird er sich mit dem Überzeugen schwertun.

Hier kommt die holistische Rhetorik ins Spiel. Jene widersteht und entsagt der Gewohnheit, Ansichten, Meinungen und Auffassungen anderer herabzusetzen, zu korrigieren oder zu missbilligen. Statt mit erhobenem Zeigefinger vermeintliche Fehler der anderen zu tadeln, bleibt sie bei sich und zeigt ihre Ideen auf. Sie kritisiert nicht und ächtet nicht, sie erkennt an, informiert, toleriert und würdigt. Sie regt zum Hinterfragen, selbständigen Denken und Mitdenken an, setzt verständnisvolle Impulse und bietet im Bedarfsfalle ausgewogene Optimierungs- und Lösungsansätze an. Kurzum: Ihre Leit(prä)position ist nicht das »Gegen«, sondern das »Für«. Die hier in Rede stehende holistische Rhetorik bevorzugt eine verbindende, beziehungsorientierte, nach allen Seiten offene Sprache, verwendet vornehmlich ein wohlmeinend konnotiertes Vokabular und achtet auf eine respektvolle Ausdrucksweise. Als Weiterentwicklung der ganzheitlichen Rhetorik überwindet sie von der nächsthöheren Ebene, der fünften Rhetorikdimension, die dualistische Artikulationsweise, indem sie in den Modus der sich wechselseitig entsprechenden, komplementären (Multi)Polaritäten wechselt und ihrem Sprachgebrauch ein »weltschätzendes« Gleichheitsprinzip zugrunde legt.


Die Rhetorik verharrt mittlerweile seit zweitausendfünfhundert Jahren auf nahezu demselben qualitativen Niveau. Sie basiert auf der atomistischen Weltanschauung, die nach wie vor das (natur)wissenschaftliche Denken dominiert. Atomismus stellt den Gegenbegriff zu Holismus dar. Ersterem zufolge bestehen die Teile eines Ganzen unabhängig von den jeweiligen anderen Teilen dieser Ganzheit. Dies spiegelt sich deutlich in der herkömmlichen Rhetorik wider. Wenn man davon ausgeht, dass jedes Wesen auf fundamentaler Ebene von allen anderen unabhängig, ein Individuum (Einzelding) ist, macht sich das in erster Linie im gegenseitigen »Umgangston« bemerkbar. Die von mir hergeleitete holistische Rhetorik stellt daher eine zukunftsträchtige qualitative Weiterentwicklung dar, die das Potenzial birgt, ein friedlicheres Miteinander zu verwirklichen.