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Sinn

Buchvorstellung
29.08.2017
Wissenheit
08.09.2017

Da der »Sinn« (den ich sophialogisch mit dem »Sein« gleichsetze) als Ziel-, Zweck- und Wertbegriff in kaum einer geisteswissenschaftlichen Abhandlung unerwähnt bleibt und so zu den denkerisch meistreflektierten Kategorien zählt, als Sinnfrage den philosophischen Fragenkatalog des Menschengeschlechts anführt und letztlich den Kernpunkt der holistischen Rhetorik bildet, sei ihm eine Weißheit gewidmet. Aus ganzheitlicher Sicht überrascht es nicht, dass sowohl das Hilfszeitwort »sein«, woraus erst im Neuhochdeutschen das substantivierte Infinitiv »Sein« abgeleitet wurde, als auch das Nomen »Sinn« im Alt- und Mittelhochdeutschen sīn bzw. sin hießen.

S INNergie

Aus der offenen Perspektive der holistisch-sophialogischen Denkart, die so weit wie möglich das Ganze zu erfassen versucht, hat und ergibt an und für sich alles Sinn. Jede abweichende Sichtweise ist dann aus ihrer weisheitsgeleiteten Rundumsicht ebenso sinnig. Vom (multiperspektivischen) Standpunkt der beiden stellt sich der Sachverhalt wie folgt dar: Das umfassendste Ganze, was immer es sein mag, angenommen das Universum oder gar Multiversum, hat Sinn. Konsequenterweise ist auch alles, woraus dieses Ganze besteht, sinnhaft. Abgesehen von der Hypothese, dass alles Eins, also eine ungeteilte sinnhaltige Einheit sei, kann ein sinniges Ganzes keine sinnfreien Teile enthalten. Wenig sinnvoll zu sein gliche dem Bonmot, etwas schwanger zu sein. Der Teil vermag naturgemäß das Ganze in seiner Gänze nicht zu erfassen. Andererseits hält sich der Teil als Subganzes für sinnreich, will er sich nicht selbst in Frage stellen. Der Mensch als integraler Bestandteil der Natur geht als Individuum grundsätzlich davon aus, in aller Beschaffenheit ein sinnhaftes Wesen zu sein, über die Sinnhaftigkeit der und des anderen entscheidet er willkürlich. In diesem Kontext erscheint es instruktiv, Jan Patočkas (1907-1977) Sinnauffassung zu erwähnen, wonach der Sinn nicht immer klar ersichtlich ist, „sondern wir müssen ihn durch eine Auslegung gewinnen, die enthüllt, was ihn uns ursprünglich zu sehen verwehrt, was ihn verbirgt, verzeichnet, verdunkelt.“ Sobald sich der Mensch der Welt öffne, offenbare sie sich ihm in einem nachvollziehbaren Sinnzusammenhang. Obwohl der Sinn einzelner Dinge entwertet werden könne, sei die Sinnhaftigkeit des Seienden gewährleistet: „Jeder Einzelsinn verweist auf einen Gesamtsinn, jeder relative auf einen absoluten Sinn.“ Auf dieser Grundlage dürfe angenommen werden, „dass menschliches Leben nicht möglich ist ohne ein […] Vertrauen in einen absoluten Sinn, in einen Gesamtsinn des Universums von Seiendem.“

Zudem ist laut Niklas Luhmann (1927-1998) „Sinn […] eine nichtnegierbare Kategorie, denn wenn wir sagen, etwas ergebe keinen Sinn oder mache keinen Sinn, nehmen wir mit dieser Aussage schon wieder Sinn in Anspruch.“ Deshalb sind selbst Blödsinn, Irrsinn, Schwachsinn und Wahnsinn keine sinnlosen Zustände, sondern subjektive Urteile. Wer die bisherigen Ausführungen nachvollzogen hat, wird kaum bestreiten, dass derjenige, der des Unsinns bezichtigt wird, durchaus von der Sinnhaftigkeit seines Tuns überzeugt sein kann. Sobald sich eine Aussage nicht mit unseren Glaubensmustern deckt, sind wir schnell dabei, von Unsinn zu sprechen. Soll damit gesagt sein, dass es sinnlos wäre, etwas als sinnlos zu bezeichnen? Nein! Es hätte zumindest den Sinn, zu verstehen zu geben, noch nicht erkannt zu haben, dass alles (s)einen Sinn hat, ja, sofern Sinn und Sein gleichbedeutend sind, haben muss.

Bislang zählt die Frage nach dem Sinn des Lebens zu den prominentesten philosophischen Fragen der Menschheit. Der sophialogischen Denkart fällt die Antwort zu: Der zentrale oder »Ursinn« des Lebens ist das Leben. Die Alternative wäre das Nichtleben (aus der Sicht des Planeten Erde also der Zeitraum, der länger als rund vier Milliarden Jahre zurückliegt) und die Frage damit obsolet. Welchen Sinn hätte das Nichtsein und somit der Nichtsinn? Wenn Sinn und Sein, wie es nicht nur die Etymologie nahelegt, identisch sind, ist der Sinn des Seins das Sein, der Sinn des Sinns das Sein und das Sein der Sinn von allem. Im Umkehrschluss hat alles Sein einen Sinn oder alles Sinn, so wie es ist. Fazit: Es kann nicht sein, was keinen Sinn hat. Die heutige Kosmologie geht davon aus, dass das Universum vor etwa 15 Milliarden Jahren infolge eines Urknalls entstand und aus purer Energie bzw. – der sophialogischen Auffassung gemäß – Sinnergie bestand. Insofern stellen Synergie („Energie, die für den Zusammenhalt und die gemeinsame Erfüllung von Aufgaben zur Verfügung steht“ [Duden-Definition]) die ganzheitliche und Sinnergie („Energie, die aus dem Sinn hervorgeht, den man vom Kosmos bis zum eigenen Innenleben den Dingen zuweist“  [Alexander Müller/Erik Blumenthal-Definition]) die sophialogische Schreibweise letztlich desselben Begriffes dar.