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Sinnkrise

Angst
16.11.2017
Sophia
05.12.2017

Die sogenannten Jamaika-Sondierungen waren gerade erst wenige Stunden zuvor abgebrochen worden, da unkten auch schon die Medien "Deutschland ist in einer schweren politischen Krise" sowie "welch ein Drama für unser Land“². Und unmittelbar darauf ging es in den social media-Plattformen in diesem Tenor mit Parolen wie "schlimmer hätte es nicht kommen können", "Trümmerhaufen", "Katastrophe", "Verschwendung wertvoller Zeit", "wochenlanges Verpulvern von Steuergeldern" munter weiter.

I n unserer sich globalisierenden Welt wimmelt es nur so von Krisen. Verfolgt man die Medienberichte mit dem Augenmerk auf dieses Wort, besteht unsere heutige Existenz im Grunde aus einer Aneinanderreihung von Krisen. Von diesem Schlagwort sind auch schon viele Literaten infiziert. Demzufolge stolpert die Menschheit gewissermaßen von einer Krise in die nächste. Scheinbar drehen wir uns neuerdings in einem endlosen Krisenkarussell. Doch was ist bereits daran krisenhaft, geschweige denn katastrophal, in einer demokratisch ausgerichteten Staatsordnung innerhalb eines überschaubaren Zeitraums von einigen Wochen ausgelotet zu haben, ob der Wählerwille in der gegebenen Konstellation umsetzbar ist und dabei zu einem negativen Ergebnis, einem Nein gelangt zu sein? Wenn die Krise zum Normalfall oder Dauerzustand erhoben wird, steht der Sinn des Lebens in Frage, gewissermaßen zur Disposition und die kollektive Sinnkrise macht sich breit. Vielleicht zählt die Frage nach dem Sinn des Seins gerade deshalb zur ältesten und prominentesten philosophischen Thematik, weil die sogenannten Krisen zumeist als Negativum begriffen werden und deren positive Bedeutung außer Betracht bleibt.

Hinter dem Begriff Krise (von griechisch krisis  – Entscheidung, entscheidende Wendung) verbirgt sich eine Entscheidungssituation oder der Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung. Etwas ent-scheiden bedeutet wörtlich, etwas Geschiedenes, Getrenntes zusammenzufügen. Eine entscheidende Wendung steht demnach mit einer vereinigenden Auseinander-Setzung in Verbindung. Eine gefährliche Entwicklung setzt gemäß dieser sprachlichen Implikation dann ein, sobald sich sozusagen die Geister zu scheiden beginnen und getrennt wird oder auseinanderdriftet, was zusammengehört. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Ehe, die in eine Krise gerät, wenn die Partner eine Trennung oder Scheidung in Erwägung ziehen. Analog verhält es sich mit einer gesundheitlichen Krise, wenn es in Körper oder Geist zur Imbalance, also zu psychosomatischen Einklangstörungen kommt. In gleichem Maße sind eine Finanz- sowie Wirtschaftskrise auf eine auftretende Diskrepanz zwischen Verkehrswerten kreditfinanzierter Güter und deren monetären Äquivalenten, zwischen Kapitaldienst und Kreditnehmersolvenz oder zwischen Angebot und Nachfrage, also auf funktionelle und strukturelle Divergenz zurückführbar. Dergleichen gilt für die Politik. Wenn politisch Verantwortliche getrennte Wege gehen, statt an einem Strang zu ziehen, lassen Politkrisen nicht lange auf sich warten. Folglich kriselt es nahezu zwangsläufig dort, wo eine Einheit getrennt oder geschieden wird, wo Komplementäres auseinanderstrebt, wo Disharmonie herrscht.

Eine Krise stellt somit den Höhepunkt einer auf der Unstimmigkeit zusammenwirkender Faktoren basierenden kritischen Situation dar, die zur Beilegung einer entscheidenden Wendung harrt. Angesichts dieses Höhe- und Wendepunktes erweist sie sich jedoch zugleich als Chance und dieses Wort bedeutet im Französischen, dem es entlehnt ist, Glücksfall. Wer in der Krise (s)eine Chance erkennt, entscheidet (sich), das Gemeinsame dem Trennenden vorzuziehen, vollzieht eine entscheidende Wendung von konträr zu konform und sieht bzw. fällt dadurch vom kritischen Höhepunkt dem Glück entgegen. Dies mag wortspielhaft-poetisierend anmuten, doch wer genauer hinsieht, stellt fest, dass wörtliche Bedeutungen häufig ungeahnte Zusammenhänge offenbaren. Im Grunde rühren Krisen von der Konditionierung her, naturgegeben Ganzheitliches aus alltagspraktischen Orientierungsgründen in voneinander unabhängige Einzelelemente zu unter-scheiden und dabei zu übersehen, dass letztlich alles Eins ist.

Dies vorausgeschickt lässt erahnen, dass die Sinnkrise, eine „psychische Krise, in die jemand geraten ist, weil er das Leben nicht mehr als sinnvoll erfährt“ (Duden), nicht minder eine Chance birgt, ja darstellt, wie alle anderen Krisen auch. In eine Sinnkrise zu geraten ist auch in diesem Fall dem Umstand geschuldet, ein ineinander verwobenes Ganzes gedanklich in autonome Einzelteile zerlegt zu haben. Wer davon ausgeht, dass die Schöpfung ein wenig mehr von ihrem Handwerk versteht, als es sich der menschliche Verstand vorzustellen vermag, hegt keine Zweifel, dass alles Sinn hat, ja letztlich Sinn ist, anderenfalls es nicht existent wäre. Nach dieser ganzheitlich-holistischen Auffassung gibt es nichts Sinnloses und somit sind ihr zufolge auch Blödsinn, Irrsinn, Schwachsinn, Unsinn und Wahnsinn keine sinnlosen Zustände, sondern subjektive Urteile. Alles Leben ist demnach immerdar sinnvoll, denn der Sinn eines jeden Lebens ist das Leben selbst und Sinn und Sein sind selbst schon etymologisch (vgl. Herkunftswörterbuch) identisch. Die Alternative wäre das Nichtleben und welchen Sinn hätte dann das Nichtsein und somit die Sinnlosigkeit? Eine Sinnkrise kann mithin nur denjenigen ereilen, der zwischen Sinn und Sein trennt und hierdurch für denkbar hält, die Qualifikation der Schöpfung, des faktisch Unteilbaren, beur-teilen zu können. Der Sinn der Sinnkrise besteht darin, sich dieses Zusammenhanges, der Sinnhaftigkeit allen Seins, bewusst zu werden und infolge dieser Erkenntnis die den Krisen innewohnenden Chancen wahrzunehmen. Die größten Chancen (Aussichten auf Erfolg [Duden]) winken denjenigen, die sich dabei von einem kompetenten Sinnmanager inspirieren lassen.

 

² https://www.t-online.de/nachrichten/id_82577304/newsletter-tagesanbruch-deutschland-in-schwerer-krise.html