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(T)raumzeit

Sophia-Logie (σοφίαλογία)
12.02.2018
Reinkar(m/n)ation
16.03.2018

Jede(r) von uns ist unumgänglich einem immerwährenden Wechselrhythmus unterworfen: dem Wachzustand und dem Schlaf. Im Wachzustand weilen wir zumeist im Modus der Raumzeit, im Schlaf in jenem der Traumzeit. Welch ungewöhnliche Überlegungen mich daraus für unser Diesseits und Jenseits überkamen, zeige ich in diesem Beitrag auf.

Träume sind Schäume und Wachsein ist nicht Wahrsein. Wir konzentrieren uns auf die eine Seite unseres Seins, den Wachzustand, und halten dessen Komplement, die Träume, für nicht der näheren Betrachtung wert, da sie uns nebensächlich, wenn nicht gar in ihrer irrationalen und bizarren Erscheinungsform irgendwie »sinnlos« erscheinen. Doch bei etwas genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass die beiden Seinsweisen miteinander korrelieren, also eine untrennbare Einheit bilden, die sowohl unser Leben als auch unseren Tod tangiert.

Es ist immer wieder faszinierend, verblüfft feststellen zu dürfen, wie ganzheitlich sich insbesondere die deutsche Sprache in ihrem Vokabular präsentiert. Da wir, um uns in unserem Leben orientieren zu können, genötigt sind, Dinge zu unterscheiden, zerlegen wir die All-Einheit, also das sogenannte große Ganze, gedanklich in Einzelteile. Angesichts dieser Gewohnheit, Zusammengehöriges zu trennen, fällt uns die analytische Denkweise leicht und die synthetische (zu einer Einheit zusammenfügende) schwer. Von der klassischen Physik wurden uns daher auch Raum und Zeit als zwei verschiedene, voneinander unabhängige Gegebenheiten vermittelt. Spätestens seit Einsteins Relativitätstheorie erwies es sich als zutreffender, die drei Dimensionen des Raumes mit der Zeit zu einer einheitlichen vierdimensionalen Raumzeit zu vereinigen. Auf die Frage „Gibt es Zeit ohne Raum oder Raum ohne Zeit“ antwortete der Philosophieprofessor Holm Tetens: „Den Raum erfahren wir nur, indem wir uns in ihm bewegen, und mit jeder unserer Bewegungen verstreicht Zeit, die wir auch erfahren. Also erfahren wir den Raum niemals ohne die Zeit. Macht es Sinn, nach Raum und Zeit jenseits aller Erfahrung zu fragen? Jede Antwort macht den Raum und die Zeit zu einem Teil unseres Wissens. Wir können nicht wissen, was es mit dem Raum und der Zeit jenseits unseres Wissens auf sich hat. Also sollte man nicht nach Raum und Zeit an sich fragen, denn darauf kennen wir aus logischen Gründen niemals eine Antwort.“* Daraus folgt, was bereits (der deshalb als weise verehrte) Sokrates wusste: Nämlich, dass er (und wir alle) hinsichtlich solcher (sogenannten »letzten«) Fragen nichtwissend sei(en). Doch wem auch immer wir unsere Sprache zu verdanken haben, das Wort »Traum« verweist nicht nur ausdrücklich auf den Raum, sondern vereinigt in sich zudem mit t, dem Formelzeichen für Zeit, Raum und Zeit zur Raumzeit.

Träume interpretieren wir (Duden) mehrdeutig: Als „im Schlaf auftretende Abfolge von Vorstellungen, Bildern, Ereignissen, Erlebnissen“, als „sehnlichen, unerfüllten Wunsch“ (Wunschträume), als „etwas traumhaft Schönes“ oder als „eine Person, Sache, die wie die Erfüllung geheimer Wünsche erscheint“ (Traumfrau, Traumberuf). Daneben unterscheiden wir Wach- bzw. Tagträume, luzide oder Klarträume, Albträume etc. Das Traumspektrum ist vielfältig und auch die Traumdeutung hielt in der Psychologie Einzug, doch was Träume mit Raum und Zeit auf sich haben, darüber zerbrach man sich wohl bislang eher kaum den Kopf. Dabei eröffnen sich uns gerade bei diesem Ansatz ungeahnte Perspektiven.

In unserem Leben werden wir tagnächtlich mit zwei raumzeitlichen Erscheinungen konfrontiert. Im Wachzustand erleben wir Raumzeitlichkeit, im Schlaf Raumzeitlosigkeit. Genösse der Wachzustand von unserer Seite nicht absolute Priorität, könnte uns diese Ambivalenz verwirren. Gegebenenfalls würden wir uns nach jedem Aufwachen von neuem fragen, was nun der Wirklichkeit entspreche. Anhand der uns vertrauten Logik, Einheiten in zwei Teile zu zerlegen und diese zu miteinander unvereinbaren Gegensätzen zu erklären, wovon ein Teil zumeist der bessere sei, bilden wir uns ein, die weltlichen Gegebenheiten optimal in den Griff zu bekommen. Zwar gelingt es uns nicht wirklich, denn die Menschheit hangelt sich von Krise zu Krise und ist von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nach wie vor meilenweit entfernt, doch auf unseren Hang zu Fragmentierung, Partikularisierung und Reduktionismus, also zu trennen was zusammengehört, führt dies so gut wie keiner zurück. Die Problematik liegt nicht darin, dass wir die Welt in ihre Vielfalt zergliedern, sondern darin, dass wir in unserem analytischen Eifer die Ausgangsbasis, die unseren Analysen zugrunde liegenden Ganzheiten, vergessen oder übersehen und die unterschiedenen Teile dieser Ganzheiten zudem unterschiedlich bewerten.

Sehen wir uns unter dem vorstehenden Aspekt unser Untersuchungsobjekt an. Außerhalb unseres konditionierten Denkens vollzieht sich das kosmische Geschehen raumzeitlos. Wem das unglaubwürdig erscheint, möge sich die Quantentheorie und dort insbesondere das Phänomen der »Verschränkung« zu Gemüte führen. Die Verschränkung zweier Teilchen bedeutet, dass eine Messung des einen augenblicklich den Zustand des anderen festlegt. Augenblicklich heißt in dem Fall unabhängig von der zwischen ihnen liegenden Entfernung sowie instantan, ohne die geringste zeitliche Verzögerung. Raum und Zeit spielen keine Rolle, denn „die Verschränkung ist ein Quantenphänomen, bei dem zwei Teilchen so miteinander verknüpft sind, dass eine Änderung am einen auch eine Änderung am anderen bewirkt – egal wie weit beide voneinander entfernt sind.“** Für die Raumzeitlosigkeit gibt es aber auch nachvollziehbarere Indikatoren. Nur für uns Menschen zählt der Tag-Nacht-Rhythmus 24 Stunden, denn diese, wie alle anderen Maßeinheiten auch, haben wir Menschen uns zurechtgelegt. Es ist kaum davon auszugehen, dass irgendein anderes Lebewesen außer uns Menschen sein Dasein als in einen Zeitraum- oder Raumzeitmodus eingebettet empfindet. Dagegen darf angenommen werden, dass jene Wesen ausnahmslos im Hier und Jetzt weilen. Doch auch wir weise Menschen (homines sapientes) erleben Nacht für Nacht bzw. Schlaf für Schlaf eine raumzeitlose Welt, in der auch unser Körper letztlich keine Relevanz besitzt. In unseren Träumen, also physikalisch t-Räumen, d. h. de facto transzendenten Zeit-Räumen, erleben wir jedwedes Geschehen im Modus der Raumzeitlosigkeit. Während wir träumen, schaltet sich unser Zeit- und Raumgefühl auf Stand-by. Raum (Distanzen, Dimensionen) und Zeit (Dauer, Vergangenheit, Zukunft) sind völlig irrelevant und sämtliche Vorgänge finden im Jetzt statt. Raumzeitlosigkeit erleben wir mittlerweile aber tagtäglich auch ganz bewusst und möchten sie auch nicht missen. Unsere Segnungen des Informationszeitalters – Rundfunk, Fernsehen, Satelliten, Internet, Smartphone etc. – stützen sich allesamt auf die letztlich raumzeitlose Datenübertragung. Und auch die sich stetig beschleunigende Schnelllebigkeit – die Tage, Wochen, Monate und Jahre scheinen auch aus Sicht Jugendlicher immer schneller zu vergehen – hält uns die Relativität des Zeitfaktors vor Augen.

Daraus folgt: Wir leben zugleich raumzeitlich und raumzeitlos. Keines dieser beiden Phänomene ist wirklicher, besser oder schlechter als die andere Seite dieser Seins-Medaille. Im Wachzustand sind wir auf Raum und Zeit angewiesen und der Traum dürfte unter anderem dazu bestimmt sein, uns des im Universum vorherrschenden raumzeitlosen Seins bewusst werden zu können, welches das Universum charakterisiert und das uns vor unserer Geburt und mit unserem Tod umgibt. Ob und wenn ja, was wir vor unserer Geburt und mit unserem Tod sind, kann uns bislang keine Wissenschaft verraten, da sich solche Fragen mit der wissenschaftlichen Methodik nicht beantworten lassen. Doch nur deshalb, weil die wissenschaftliche Methode stets nur die halbe Wahrheit in Erfahrung zu bringen vermag, heißt es noch lange nicht, dass wir uns mit Halbheiten begnügen müssen. Selbst, wenn man dort, wo die Wissenschaft an ihre Grenzen stößt, mit einer »unwissenschaftlichen« Vorgehensweise mitunter irren mag, was im Zeitverlauf im Übrigen auch regelmäßig die wissenschaftlichen Erkenntnisse ereilt, erscheint es lohnenswert, ja dringend geboten, dem kreativ-forschendem Geist freien Lauf zu lassen, da sich Evolution und Fortschritt keinen Restriktionen unterwerfen und Intuition das essenzielle Forschungsinstrument darstellt: „Kepler war, wie jeder Wissenschaftler, von Intuition geleitet; von Versuch (Hypothese) und Irrtum (empirische Widerlegung). Und er war, wie jeder Wissenschaftler, der etwas Neues sucht und findet, ein Metaphysiker […]. Ohne Intuition geht es nicht […]. Wir brauchen Intuitionen, Ideen und womöglich konkurrierende Ideen […]. Und bis sie widerlegt sind (und wohl auch länger), müssen wir auch fragwürdige Ideen tolerieren. Denn auch die besten Ideen sind fragwürdig.“***

Da der (eigene) Tod das Tabu schlechthin repräsentiert, verdrängen wir den Gedanken, dass wir uns im Grunde täglich bzw. nächtlich, d. h. bei jedem Schlafengehen virtuell dem »Tod« anvertrauen. Denn so stellen wir uns doch den wissenschaftlich anerkannten Tod vor: als ein ewiges Nichts. Als mithin genau das, was wir im Tiefschlaf erleben. Unser Unbehagen dem Tod gegenüber beruht somit weniger auf der Angst vor jenem Nichts, sondern vor jener Ewigkeit. Wenn da nicht die Träume wären, denen wir bei aller Liebe dennoch keine befriedigende Bedeutung beizumessen wissen. Zwar versuchen uns die Schlafforscher verschiedene Theorien anzubieten, zum Beispiel die, wonach wir im Traum belastende Erlebnisse aufarbeiten, aber was hätte es dann mit den Träumen auf sich, von denen wir das Adjektiv »traumhaft« (umgangssprachlich für »überaus schön«) oder den Ausspruch »davon kann man nur träumen« abgeleitet haben? Und wozu gäbe es dann noch Psychologen, wenn sich alles Belastende im Traum verlöre?

Weitere Theorien:
„Wir träumen, um gefährliche oder risikoreiche Situationen zu simulieren.“
„Im Traum können wir Verhaltensweisen ausprobieren und erlernen, die uns in der Zukunft helfen.“
„Heute helfen uns Träume dabei, mit Ängsten besser umzugehen, uns auf Klausuren oder Herausforderungen im Job vorzubereiten.
Träume sind Gefühle in bewegten Bildern dargestellt. Wer diese Gefühle erkennt, kann etwas über sich lernen.“
„Zum Beispiel über Stärken und Schwächen, über die eigene Persönlichkeit und Dinge, die gerade Sorgen oder Ängste verursachen.
Träume spiegeln Erfahrungen aus dem Alltag wider, in dem wir zu sehr mit Eindrücken von Außen beschäftigt sind. Im Traum aber erleben wir, was uns wirklich bewegt. Wiederkehrende Grundmuster verraten, was den Träumenden beschäftigt.“****

Trotz ihrer Theorien bleibt das Träumen den Schlafforschern ein Rätsel: „Warum träumen wir überhaupt? Eine konkrete Antwort darauf fehlt bislang. Ob das Hirn im Traum die Erlebnisse des Tages abspeichert, Gefühle verarbeitet oder der Traum einfach nur ein Zufallsprodukt des Schlafs ist, können Wissenschaftler noch nicht sagen. ‚Höchstwahrscheinlich ist es eine Mischung aus den verschiedenen Theorien‘, sagt [Neurowissenschaftler] Martin Dresler.“**** Ihm zufolge träumt jeder von uns die ganze Nacht durch. Tja, wenn Wissenschaftler Hintergründe geistiger Phänomene herausfinden wollen, die sich mithilfe von Beobachtung und Messmethoden nicht erfassen lassen, werden sie ebenso spekulativ wie diejenigen, die sie der »Unwissenschaftlichkeit« zeihen. Allerdings schließen sie metaphysische Annahmen aus, wodurch sie Erklärungsansätze außer Acht lassen oder ausblenden, die nicht minder wahrscheinlich sind, wie ihre wissenschaftlichen.

In Träumen ist nichts unmöglich und aus Träumen wachen wir immer unversehrt auf. Und obwohl wir mit dem Präfix »Traum-« in Verbindung mit Substantiven unsere begehrtesten Ideale, z. B. Traumvilla, Traumhochzeit, Traumreise, …, ausdrücken, widmen wir dem Sinn des Phänomens »Traum« im Grunde keine Aufmerksamkeit. Wir nehmen Träume einfach so hin und messen ihnen im Grunde keinerlei Bedeutung bei, halten sie vielleicht sogar für eine Kapriole der Natur. Dabei sollte uns eigentlich klar sein, dass sich hinter allem, und besonders was unseren Körper und Geist anbelangt, ein höchst genialer Sinn verbirgt: nichts an unserer Beschaffenheit ist bedeutungslos.

Interessanterweise kommt es vor, dass man sich im Schlaf des Träumens bewusst ist und dies lässt sich sogar erlernen. Solche luziden oder Klarträume können frei gestaltet werden und ermöglichen es sogar, Entscheidungen zu treffen. Das Phänomen »luzider Traum« tritt auch nicht selten auf: Eine Traumforschungsstudie fand heraus, dass fast jede(r) Zweite (mich eingeschlossen) bereits mindestens einmal ein solches Erlebnis hatte. „Menschen mit Alpträumen können luzides Träumen erlernen, um die bedrohlichen Szenen in harmlose umzuwandeln. Auch Leistungssportler sind auf den Klartraum aufmerksam geworden. Sie nutzen diesen, um im Schlaf riskante Sprünge und neue Techniken einzustudieren. Der Sportpsychologe Daniel Erlacher hat in Versuchen an der Universität Heidelberg gezeigt, wie die nächtlichen Turnübungen sowohl Koordination als auch Kondition verbessern. Übten seine Probanden einen Münzwurf im Schlaf, hatten sie im Wachzustand eine bessere Trefferquote. Forderte er die luziden Träumer auf, Kniebeugen auszuführen, beschleunigten sich Herzschlag und Atem wie bei der tatsächlichen Anstrengung.“****

Somit könnte der tiefere Sinn der Träume mangels einer fundierten wissenschaftlichen Theorie ohne Weiteres einerseits darin liegen, uns tagnächtlich auf unser jenseitiges Sein einzustimmen, um uns weitgehend vor unseren Ängsten, Sorgen und Ungewissheiten was den Tod anbelangt zu bewahren. Schließlich kommen wir selbst in unseren schlimmsten Albträumen nie wirklich zu Schaden. Und andererseits könnte er darin liegen, uns zu vergegenwärtigen, die Dinge, die uns im Alltag umtreiben, bewusst nach unseren Vorstellungen zu gestalten, wollen wir uns nicht, wie im unbewussten Traum, einem beliebigen Geschehen ausliefern. Wer weiß, vielleicht erleben wir in jedem Schlaf unseren »Tod« – und gehen gerade deshalb so unbeschwert zu Bett. Käme diese Option auch nur näherungsweise in Betracht, dürften wir uns auf ein traumhaftes Leben nach dem Tod und womöglich darüber hinaus auf Wiedergeburten einstellen oder – je nach dem –  auch freuen. Wir träumten unser Leben und lebten unseren Traum. Welch schöne, eines allliebenden göttlichen Prinzips würdige Vorstellung.

 

Vorschau zur Weißheit »Reinkar(m/n)ation«: Die vorstehend mit dem Vorbehalt »je nach dem« versehene Wiedergeburtsfreude hängt mit dem Vorzeichen des Karmas zusammen, das die Lebensumstände der kommenden Wiederverkörperung (mit)bestimmt. Alles in diesem Universum hat Sinn. Wer demnach mit seiner Lebenssituation hadert, darf davon ausgehen, hierfür die Grundlage selbst geschaffen zu haben. „Was der Mensch sät, das wird er ernten“ ist mithin eine echte Weisheit. Wer sich also auf seine Wiedergeburt(en) freuen möchte, wäre gut beraten, sich so zu verhalten, dass er auch Grund zur Freude hat. Dies sollten diejenigen bedenken, die der Devise »nach mir die Sintflut« frönen, d. h. auf Umweltschutz, Menschenrechte, Ökologie, ausgewogene Einkommensverteilung, Humanität, friedliches Miteinander, Redlichkeit, Gemeinwohl, Gewaltfreiheit, Weltfrieden und Nächstenliebe, kurzum auf »Weltschätzung« pfeifen.

 

 

 

* www.welt.de/kultur/article2645836/Gibt-es-Zeit-ohne-Raum-oder-Raum-ohne-Zeit.html
** Matthias Matting: Die faszinierende Welt der Quanten, eBook
*** Karl Popper: Alles Leben ist Problemlösen, S. 151 f.
**** www.planet-wissen.de/gesellschaft/schlaf/traeume/traeume-traumforschung-100.html