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Wissenheit

Sinn
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Wer weise ist, nimmt die Dinge so wie sie sind und nicht, wie sie seines Erachtens sein sollten. Für den Weisen sind die Gegebenheiten, wie sie sind, weder »gut« noch »schlecht«, sondern »in Ordnung«. Diese wertungsfreie Denk- und Verhaltensweise ist uns Wissenden derart fremd, dass wir sie für illusionär, bescheuert oder beides halten. Jedenfalls halten wir sie für weltfremd und daher für utopisch-irreal, sprich naiv.

H olistische Intelligenz

In unserer modernen Welt lässt sich mit Weisheit, also vermeintlicher Naivität, kein Blumentopf gewinnen. Ich ziehe wieder einmal zunächst den Duden zurate. Unter Weisheit versteht er „auf Lebenserfahrung, Reife (Gelehrsamkeit) und Distanz gegenüber den Dingen beruhende, einsichtsvolle Klugheit“ und unter Naivität „Arglosigkeit, Kindlichkeit, Natürlichkeit, Offenheit, Treuherzigkeit und Unbefangenheit.“ Wie unterscheiden sich die beiden Begriffe inhaltlich voneinander? Gar nicht. Die Essenz beider besteht aus einer auf einsichtsvoller Klugheit beruhenden Distanz gegenüber den Dingen. Nun stellt sich sogleich die Frage: Ist es für uns moderne Menschen erstrebenswerter, sich befangen, böse, bösgläubig, misstrauisch, todernst, unnatürlich und verschlossen zu geben?

Weshalb erhielt das weise Wissen das Suffix »heit«, das eine Eigenschaft oder Handlung ausdrückt, während das einfache Wissen nicht mit dieser Nachsilbe ausgestattet worden ist? Im Althochdeutschen bezeichnete »heit«, verwandt mit »heiter«, eine leuchtende (glänzende) Persönlichkeit bzw. Gestalt. Daraus ließe sich ableiten, dass Weisheit als leuchtend im Sinne von grandios, vortrefflich, vorzüglich, exzellent und Wissen als eigenschaftslos und weniger großartig betrachtet wurde. Wissen erachtete man seinerzeit offensichtlich für eine selbstverständliche Gegebenheit und den Wissenserwerb für einen natürlichen Vorgang. Weisheit zu erlangen verbindet man dagegen bis heute mit einer außergewöhnlichen Begabung gepaart mit einer weit entwickelten Bewusstheit. Ein Weiser besitzt sozusagen die spezielle Gabe, weise zu sein. Wissen war einst kein Machtfaktor, sondern jedermanns natürliche geistige Fähigkeit. Als dann Wissen seine Machtrolle auszuspielen begann, ließ man die »heilige« Inquisition Wissen reglementieren.

Aus meiner Sicht hängt Weisheit von keiner besonderen Begabung, Intelligenz oder Bewusstseinsstufe ab. Die Schöpfung stattete uns mit der notwendigen und hinreichenden Denkfähigkeit aus, um auf gewissermaßen gesunde Weise weise zu sein. Wenn Gesundheit als „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ definiert wird, dann ist darin der gesunde Menschenverstand enthalten. Und wer es nicht glauben mag, kann sich selbst davon überzeugen: niemand fühlt sich meines Erachtens geistig wohler als Weise. Zur Gesundheit führt Wikipedia aus, dass dem „naturwissenschaftlich verstandenen engen Begriff von Gesundheit nach dem bio-medizinischen Modell […] in der heutigen Zeit ein ganzheitlicher Begriff von Gesundheit gegenüber [steht].“ Die Ganzheitlichkeit erobert langsam sämtliche Bereiche unserer Lebenswirklichkeit und beginnt die bislang herrschende reduktionistische (einseitige) Sichtweise abzulösen. Apropos Sichtweise. Da wir uns hier mit der Sprache und der Weisheit beschäftigen, sollten wir uns der Weisheit willen ganz besonders für die sprachliche Weisheit sensibilisieren: Der Begriff ist ein Kompositum aus Sicht und Weise. »Weise« ist die weibliche Form von »Weiser« sowie synonym mit »Art« (Art und Weise) und art bedeutet im Englischen »Kunst«. Die Bedeutung des Adjektivs »weise« braucht nicht dargelegt zu werden. Damit lässt sich das Wort »Sichtweise« als eine weise Sicht oder Kunst des Betrachtens interpretieren. So gesehen wäre für die reduktionistische Sichtweise der Ausdruck »Sichtweise« ein unpassender und durch Sicht oder Betrachtung zu ersetzen. Eine weise Sicht setzt eine ganzheitliche, multiperspektivische Wahrnehmung voraus, denn Weise berücksichtigen so viele Aspekte wie möglich, wodurch sie eine neutrale Position einnehmen.

An diesem Punkt bietet es sich an, zur Wortneubildung »Wissenheit« überzuleiten. Weise wären nicht weise, wenn sie sich für Weisheit und gegen das Wissen aussprächen, wenn sie die Weisheit über das Wissen stellten. Denn dann dächten und verhielten sie sich nicht ganzheitlich und somit nicht weise. Selbstverständlich ist Ganzheitlichkeit mit Weisheit nicht identisch, aber deren Voraussetzung. Zu den Dingen auf Distanz gehen und zugleich bestimmten davon gleichwertige Sinnigkeit abzusprechen, schließt sich mit Weisheit aus. Zwar basiert Weisheit darauf, grundsätzlich nichts auszuschließen, aber was ihre Charakterisierung anbelangt können definitionsfremde Merkmale nicht berücksichtigt werden, anderenfalls wir die mentale Orientierung verlören. Ein weiser Standpunkt ist allliebend: ganzheitlich, holistisch, integral, multiperspektivisch und weltschätzend. Daher besitzt für ihn die Weisheit keinen höheren Stellenwert als das Wissen. Ihm zufolge sind beide gleichwertig und ergänzen sich zur holistischen Intelligenz. Sie sind einander komplementär. Der Oberbegriff »Holistische Intelligenz« umfasst die rationale, emotionale, soziale und ethische Kompetenz. In der ganzheitlichen Variante wäre sie die Summe dieser Kompetenzen. Im holistischen Modus sind diese Kompetenzen korrelativ miteinander verwoben, indem sie sich gegenseitig stimulieren und fördern und hierdurch sinnergetisch verhalten. Damit ist die »Holistische Intelligenz« mehr als die Summe der sie charakterisierenden Kompetenzen. In den Genuss der holistischen Intelligenz kämen diejenigen, die sich durch Kombination von Weisheit und Wissen der Wissenheit öffnen.

Interessanterweise bietet die deutsche Sprache bislang lediglich den Ausdruck »Unwissenheit« an. Eine seiner beiden Duden-Definitionen lautet „Mangel an [wissenschaftlicher] Bildung“. Folgerichtig müsste der Begriff »Wissenheit« für hinreichende (wissenschaftliche) Bildung stehen. Doch dieser existiert im Deutschen nicht. Mag es daran liegen, dass (wissenschaftliche) Bildung mit Wissen als erworbenen Kenntnissen auf bestimmten Gebieten, nicht dagegen mit weisheitsgeleitetem, d. h. sophialogischem Wissen assoziiert wird?

»Wissenheit« könnte daher als weise(nde)s Wissen zur nächsten Entwicklungsstufe der Wissenschaft und damit deren adäquater Begriff werden. Das zum Suffix erstarrte Substantiv »schaft« (althochdeutsch scaf(t) – Gestalt, Beschaffenheit, mittelhochdeutsch schaft – Gestalt, Eigenschaft) ist mit dem Verb »schaffen« verwandt. Die Wissenschaft besitzt damit die Eigenschaft, Wissen zu (er)schaffen. Dessen ungeheure Menge, die sie erschafft, übersteigt bei weitem die kognitiven Kapazitäten selbst der Wissenschaftler, was die Wissenschaft dazu zwingt, sich in immer filigranere Wissenschaftszweige (Wissensgebiete) zu disziplinieren. Dadurch geht der Überblick der Zusammenhänge verloren und die Neigung zu unterschiedlichen fachspezifischen Terminologien (wissenschaftliche Funktionalstilistik) kommt erschwerend hinzu. Als Universalgelehrter oder Polyhistor bezeichnet zu werden, was früher manche Wissenschaftler für sich in Anspruch nehmen konnten, ist unter diesen Vorzeichen nicht mehr denkbar. Zwar versucht man diese isolationistische oder gar elitäre Abschottung durch Interdisziplinarität etwas abzumildern, ein nennenswerter Fortschritt ist hierbei jedoch nicht absehbar, da ein ganzheitlicheres Denken nicht durch Nachbesserung des reduktionistischen zu erreichen ist, sondern anhand eines radikalen Bewusstseinswandels.

Wissenheit wäre mithin der zukunfts ̴ weise ̴ nde Ansatz, mit Wissen auf weise Art umzugehen.